Wie wurde ich Künstlerin? Nun ja – die übliche Geschichte: Man zeichnet gern und ist mit sich selber bestens unterhalten. Doch dann hat man die zusätzliche Schwierigkeit, in einem besetzten Land zu leben. Estland verlor seine Freiheit infolge des Molotow-Ribbentrop-Pakts von 1939 und wurde von der Sowjetunion annektiert. Die Kunst war für mich ein Weg, der Realität zu entfliehen und in eine Fantasiewelt einzutauchen. Sechs Jahre verbrachte ich an der Nationalen Kunstakademie; der Studiengang umfasste Ölmalerei, Fresko, Zeichentechniken, Anatomie, Philosophie, Kunstgeschichte usw. Und dann, gegen alle Wahrscheinlichkeit, veränderte sich die Welt. Endlich kehrte die lang ersehnte Freiheit zurück, doch im Umbruch veränderte sich auch die Kunst. Im Wettstreit mit der schockierenden neuen Realität versuchte die Kunst, ihre eigene Nische des Schockierens zu finden, und ich fühlte mich in dieser Nische nicht wohl. Ich malte immer noch Bühnenbilder für die Oper und unterstütze ein kleines Kindertheater, aber ich begann auch zu übersetzen und europäisches und internationales Recht zu studieren. Das führte zu 20 Jahren Arbeit in Frankfurt am Main bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Juristin und Linguistin. Während meiner Zeit bei der EZB nahm ich an den jährlichen Ausstellungen „Hidden Artists“ teil. Mit Freunden gründete ich ein jährliches Art Camp im Taunus bei Frankfurt sowie einen Lesekreis für estnische Literatur. Nach den Corona-Jahren ergab sich die Möglichkeit, die Bank zu verlassen und „wieder Künstlerin“ zu werden. Zunächst arbeitete ich an Illustrationsprojekten, später studierte ich Grafikdesign mit all seinen komplexen Programmen wie GIMP, Adobe Illustrator, InDesign, Photoshop und Fresco. Besonders Fresco faszinierte mich, da es manuelle Kunst wie Pinsel und Papier ist, nur eben auf einem Bildschirm mit einem Bildschirmstift. Ich experimentierte, um herauszufinden, wie nah es an „physische“ Kunst herankommt. Das ist meine Geschichte. Daneben gab es noch einige andere spannende Projekte wie Acryl-Pouring, das Erlernen der alten deutschen Kurrentschrift oder ein Bastelworkshop für Karnevalshüte … Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
How did I become an artist?
You know – the usual story how you like to draw and enjoy your own company. But then there was this added complication of living in an occupied country. Estonia lost its freedom as a result of the Molotov-Ribbentrop Pact of 1939 and was annexed to the Soviet Union. Art was a way to escape the reality and live in a fantasy world. I spend 6 years in the national art academy; the fine arts curriculum includes oil painting, fresco, drawing techniques, anatomy, philosophy, art history etc. And then, against all odds, the world changes. A long-awaited freedom comes, but in the turmoil of changes, art changes as well. In the competition with the shocking new reality, art tries to find its own niche of being shocking and I am not comfortable in that niche. I am still painting stage decorations for the opera theatre and supporting a little children’s theatre, but I also take up translation and start to study European and International law. This leads to working 20 years in Frankfurt, at the European Central Bank (ECB) as a lawyer-linguist. During my years at the ECB, I took part in the annual „Hidden Artists“ exhibitions. With some friends we started an annual Art Camp in Taunus near Frankfurt as well as a reader’s group for the Estonian literature. After COVID years, an opportunity comes up to transition away from the bank and „become an artist“ again. It first comes with illustration projects and then turns into studying graphic design with all its complex programmes like GIMP, Adobe Illustrator, Indesign, Photoshop, Fresco. I was particularly interested in Fresco, because it is manual artwork like brush and paper, just only on a screen with a screen pencil. I have experimented to see how close it gets to “physical” art. This is the story. There are some other exciting sideways like acrylic pouring, learning old German Kurrent script, organising a fun-hat workshop… There is no limit to creativity!